Petrol Stations

Die Tankstelle am Rand von urbaner Zivilisation ist Teil eines Alltags der Fortbewegung. An amerikanischen Highways und europäischen Autobahnen ist sie Teil eines materialisierten Glaubes an Fortschritt durch Technik – ein medial-mythisch aufgeladener Ort. In den Arbeiten ihrer Reihe ‘Petrol Stations’ entfernt Vanessa Leißring Tankstellen aus ihrem Gebrauchskontext und isoliert sie in dokumentarisch anmutenden, selbstleuchtenden Fotografien. Sie sind Anlaufstellen als Orte der Versorgung: daher bekommen Tankstellen ihren Zweck als Teil einer Verwertungskette, an dessen Anfang und Ende Mensch und technische Entwicklungen stehen.

 

Durch die Dekontextualisierung wird die Sicht auf Form, Anordnung und Konstruktion frei. Leißrings Arbeiten sind eine typologische Betrachtung der gleißend hellen Tankstellen. Die Gebäude sind meistens nicht mehr als Überdachungen, getragen von Säulen, ausgeleuchtet vom Neonlicht in den Farben der Betreiberfirmen. Die Tankstellen ragen – ästhetisiert und monolithisch – in einen schwarzen Nachthintergrund. Leißring zeigt die Orte und ihre Architektur als Skulpturen im öffentlichen Raum und thematisiert gleichzeitig mögliche Bezüge zu Branding und urbane Architektur. Sehr gesättigt für unnatürliches Licht, sind die Leuchtreklamen an den Tankstellen Referenz und Orientierung. Aber in den menschenleere Szenarien wirken die Neonlichter wie eine Nachricht ohne Zielgruppe – ein Medium ohne Inhalt. Die Namen der Betreiberfirmen werden zu Ornamenten, die die Dächer und Beschilderung zieren aber nichts kommunizieren. Die Tankstellen sind auf Leißrings Fotographien nächtliche Nicht-Orte ohne Zusammenhang zu Raum oder zu einer Vorstellung von ihrem Nutzen. Die Straßen gehen zwar von rechts nach links durch Bild, enden aber in Schwarz. Bewegung ist nicht erkennbar, Abläufe sind unterbrochen. In untrennbarer Einheit verwandeln Architektur und Licht aus den Gebrauchsgegenständen ästhetisiert Abzüge ihrer selbst.

 

 

Petrol Stations

The petrol station – on the edge of urban civilization – is an integral part of our daily locomotion. Placed on the side of the American Highway and the European Autobahn, it is the materialized belief in progress through technology. The petrol station is a media-mythical charged location. In the works of her series ‘Petrol Stations’ Vanessa Leißring removes the petrol stations from their context and isolates them in documental self-luminous photographs. They are focal points of supply: that is what furnishes them with their meaning as a part of an utilization mechanism which is initiated by the human being and comes to an end in technical progress.

 

The decontextualizing reveals a gaze on form, arrangement and construction. Leißring’s typological portraits of the petrol stations show the bare buildings: a simple roofage, pillared, illuminated by neon-lights in the colors of the petrol companies. The stations loom monolithic into the night’s black sky. Her photographs show the locations and their architecture as sculptures in public space and addresses possible relations to branding and urban architecture. The light of the neon-signs – appearing unnaturally saturated – serves as a point of reference and guidance. But the in the deserted scenarios, they become a message without a target group – a medium without contents. The names of the gas companies turn into ornaments, which embellish the roofs and signage but they don’t communicate. On Leißring’s photographs the stations are nightly wasteland without any connection to their usage. The street runs through the image but end in black. There is no visible movement and processes are interrupted. Connected in inseparable unity architecture and light turn the everyday objects into aestheticised impressions of themselves.

 

 


 

 

Der Bewegung entrückt

Die Tankstelle als Mittlerin der Bewegung, eingefangen von der Photographie als Mittlerin des Gewesenen, gebannt in den Moment.

Dem „Straßenbilde angepasst“, „gestalterisch rückwärtsgewandte Randsteinexistenzen“sind Tankstellen schon lange nicht mehr, sie wurden zu raumgreifenden Versorgungsinseln, die die Unterbrechung der Bewegung nicht allein der Wiederermöglichung dieser Bewegung widmen; tatsächlich trägt der Verkauf von ‚Kraftstoffen‘ nur noch zu einem Bruchteil am Umsatz bei. Angesichts der lebensnotwendig erforderlichen Energiewende werden Tankstellen über kurz oder lang einer aussterbenden Art angehören, was die Dokumentation ihrer Existenz um so dringlicher macht. Orientiert am Konstruktivismus verlangen Tankstellen, dass ihrer formalen Radikalität auch in ihrem Abbilden entsprochen wird. In ihrer Verwendung standardisierter Bauteile, der Nutzung asymmetrischer Grundrissbildung und im Gebrauch der Prinzipien von Vertikalität und Horizontalität sind sie Beispiele für Regularität.

Diese Regularität und den Inselcharakter arbeitet Vanessa Leißring in ihrem seit 2006 kontinuierlich fortgeführten Langzeitprojekt in einer typologischen Betrachtung medial mythisch aufgeladener Orte auf. Sie löst ihre Objekte aus dem alltäglichen Erfahrungs- und Begriffszusammenhang und erzeugt damit eine innere Unruhe, eine Sprachlosigkeit angesichts tausendfach erfahrener (in des Wortes beider Bedeutungen) Räumlichkeiten. Zugleich erschüttert sie Begriffsmuster und Erfahrungsraster des Betrachters, die betrachteten Objekte erfahren durch Dekontextualisierung einen neuen Wirkkosmos (die erste Assoziation ist die eines UFOs…).

Leißring übernimmt die von Vilém Flusser postulierte „Schönheit des begrifflichen Universums“, indem sie in schwarz-bunten Fotos Authentizität deutlicher macht, eine Autonomie der Subjektposition gewinnt. In kontrapunktischer Dekonstruktion gibt sie nicht verortbaren Spielformen der architektonischen Moderne emanatisches Flair. Sie verstärkt Wahrnehmensnöte durch das Herauslösen ihrer Motive aus Zeit und Raum. In konsequenter Weiterentwicklung von Ed Ruschas „Twentysix Gasoline Stations“ verzichtet sie auf den ökonomischen Aspekt der Straße, erzeugt Unräumlichkeit. Folgerichtig fehlt ihren Kompositionen der von Ruscha intendierte Anhauch von Readymades. Die kühle Kunstlicht Atmosphäre erinnert auch wegen des Ausdrucks der Isolation, Ausgrenzung, Distanz sowie der Konzentration auf eigentlich Banales an Edward Hopper.

cerxú

 

 

Far removed from movement

The petrol station as mediator of the movement, captured by photography as mediator of the past, banned into the moment.

Petrol stations are no longer „adjusted to the appearance of the street“, „backward facing designed subsictance by the curbstones“, they became extensive supply rigs dedicating an interruption of movement not only to re-enable this movement; selling gasoline actually contribute only a fraction of the turnover. In the face of the vitally essential energy transition, petrol stations will sooner or later be part of a dying species, which makes the documentation of their existence all the more urgent.

Oriented to constructivism, petrol stations demand that their formal radicality is also met in their imaging. They are examples of regularity in their use of standardized components, the use of asymmetrical ground planing, and the application of the principles of verticality and horizontality.

Vanessa Leißring processes this regularity and the island-ish character in her long-term project, which has been continuously continued since 2006, in a typological consideration of media mythically charged places. She frees her objects from the mundane experiential contexts and conceptual relationships, creating restlessness, a speechlessness in the face of spaces a thousand times frequented .

At the same time, she convulses the conceptual models and the viewer‘s grasp of the experience, and the objects under consideration experience a new impact-cosmos by decontextualization (the first association is with UFOs…).

Leißring takes over the „beauty of the conceptual universe“ postulated by Vilém Flusser, by making authenticity clearer in black-colored photos, gaining an autonomy of the subject‘s position. In contrapuntal deconstruction, she gives emanational flair to non-locatable forms of architectural modernism. She intensifies perceptional hardships by detaching her motifs from space and time. In a consequent enhancement of Ed Ruscha‘s „Twentysix Gasoline Stations“, she renounces the economic aspect of the street, creating unspatiality. Consequentially her compositions miss Rusha‘s intended afflatus of Readymades. The cool atmosphere  of artificial light is also reminiscent of Edward Hopper‘s expression of isolation, exclusion, distance as well as the concentration on actually banal.

cerxú

 

 


 

 

Was wären wir ohne Tankstellen? Und was wären Tankstellen ohne uns?

Vanessa Leissrings Bildstrecke „Petrolstations“ gibt sehr klare, photographische Antworten. Autofrei, menschenleer und isoliert stehen die Stationen im eigenen Neonlicht; ihre einzige Bezugsgröße ist die Nacht. Die Photos zeigen Tankstellen „an und für sich“, als geometrische, durch farbige Lichtflächen definierte Objekte, sehr nackt und dennoch – oder gerade deshalb – unumstößlich und schön.

André POLOczek

 

 

 


 

PETROL STATIONS

 

Zoom

 

Die Geschichte der Tankstelle beginnt mit dem Pferd. Es waren die Poststationen und Krämerläden, bei denen die Durchreisenden für ihre Gäule Wasser und Heu erstehen konnten. Auch die unmittelbaren Vorläufer der Tankstellen waren Geschäfte, die den zunächst noch seltenen Autofahrern Benzin anboten. Je mehr Pferdestärken desto mehr Benzindurst galt es zu stillen.

 

Autos vermehrten sich und damit auch der allgemeine Verbrauch. Es machte Sinn Verkaufsstellen zu eröffnen, die hauptsächlich oder ausschließlich Benzin verkauften. Mit den Zapfsäulen begann die eigentliche Blütezeit der Tankstelle. Nie war die Tankstellendichte höher.

 

So floss nicht nur viel Öl sondern auch viel Geld. In Folge dessen konnten in diesen Zeiten die schönsten Exemplare gebaut werden. Renommierte Architekten wurden engagiert, um futuristisch anmutende Raumstationen zu schaffen, an denen man seinem Auto einen neuen Drive und sich selbst ein modernes Antlitz verleihen konnte.

 

Zu spät hat man den Wert ihrer zeitlosen Schönheit erkannt. Nur wenige Ikonen konnten bis in die Gegenwart hinüber gerettet werden. Von vielen legen heute nur noch Photographien ein Zeugnis ab. Die wenigen Überlebenden stehen unter Denkmalschutz oder haben eine andere Verwendung gefunden. Als Wohnhäuser oder Geschäfte segnen umgebaute Tankstellen das zeitliche einer goldenen Ära.

 

Die postmodernen Exemplare, wie sie die Bilder von Vanessa Leissring zeigen, entstammen bereits einer Phase, in der die Tankstelle ihre große Zeit längst hinter sich gelassen hat. Als die Tanks immer voluminöser und voller gerieten, als die Autos sparsamer und ihre Reichweiten größer wurden, als der gnadenlose Konkurrenzkampf um die niedrigsten Ölpreise zu einer stetig sinkenden Anbieterzahl und immer größeren Ölkonzernen führte, sank die Zahl der Tankstellen.

 

Dafür wurden Sie bunter, heller und vor allem größer. Vom Benzin allein kann schon lange keine Tankstelle mehr leben. Längst sind sie zu Verkaufsoasen geworden, an denen es zu überteuerten Preisen alles und nichts gibt. Auf der Autobahn bieten die sogenannten Autohöfe die klassische Albtraum-Trias von Fastfood, Sexshop und Spielhölle an. Das erinnert daran, dass Tankstellen eben auch Sehnsuchtsorte sind, Orte, an denen es nicht nur darum geht, rasch weiter zu kommen, sondern an denen wir eben schnell auch noch für die Befriedigung unserer einfachsten Bedürfnisse sorgen: Essen und Trinken, Schoko und Chips, Kippen und Sprit, Porno und Glücksspiel.

 

Nicht nur dem heimatlosen Trucker am Rande der Autobahn sondern auch dem einsamen Teenager in der Provinz werden dort rund um die Uhr mal eben ein paar kleine Wünsche erfüllt. Was wir dort bekommen, führt uns nicht nur ganz konkret im Auto quasi überall hin, sondern alternativ auch in den Rausch oder ins Reich der billigen Phantasie, ganz besonders nachts.

 

Heute buhlen die Tankstellen auch am Tage grell-bunt erleuchtet um Aufmerksamkeit. Je mehr sie an Bedeutung verloren haben, desto imposanter wurden sie. Ihre Säulen lassen sie wie Tempel und ihre oft geschwungenen Haubendächer wie Ufos aussehen. So oder so, sie verheißen uns eine Reise, wenn schon nicht in die unendlichen Welten des Alls, so doch in die herbe Romantik des Fernverkehrs.

 

 

Totale

 

Vanessa Leißrings Aufnahmen von Tankstellen erscheinen uns auf den ersten Blick sehr vertraut, geradezu verstörend banal, und auf den zweiten seltsam entrückt und schön. Eine Totale auf die Tankstellen, wie sie menschenleer in der Dunkelheit liegen, bekommen wir nur selten zu Gesicht. Entweder sind sie rund um die Uhr geöffnet, weil immer Betrieb ist oder die Lichter gehen aus, weil nichts mehr verkauft wird. Die Photographin lag offensichtlich auf der Lauer, um diese aussterbende architektonische Spezies in völliger Reglosigkeit abzulichten. Hier herrscht der Stillstand.

 

Tankstellen verheißen eigentlich ultimative Mobilität, das grelle Licht Energie im Überfluss. Es sind Orte der rauschhaften Verschwendung von Ressourcen. Unvernunft macht das Lustvolle aus. Fahren ohne Ziel. Leuchten ohne Zweck. Wie dem bunten Blinken auf einer Kirmes oder dem Glitzern eines Feuerwerks können wir der kindlichen Schönheit dieser leuchtenden Oasen der Nacht verfallen.

 

Strom ohne Ende. Benzin ohne Limit. Die Unmittelbare, ungehemmte Bedürfnisbefriedigung ist ein Relikt des Turbokapitalismus. Sie ist völlig unzeitgemäß. Selbst die Familie Rockefeller hat sich vom Ölgeschäft abgewandt, angeblich um sich die Hände nicht weiter schmutzig zu machen. Die Ölpreise verfallen ohnehin.

 

Keine Tankstelle kann mehr vom Benzinverkauf allein leben. Die Tankstellen sind wieder zu Krämerläden geworden. Mittlerweile ziehen dort schon Supermärkte ein. Ihr grell-buntes, lichterlohes Aufplustern ist die pure Verzweiflung vor dem Unausweichlichen. Denn das Ende der Tankstelle, vom dem die Bilder erzählen, ist längst besiegelt. Elektroautos bringen sie zum Verschwinden.

 

 

FADE

 

Am Ende schließt sich der Kreis. Elektrische Zapfsäulen werden auf den Parkplätzen von Supermärkten und Shoppingmalls stehen. Das Auftanken von Strom wird eine Nebensache sein und ansonsten zuhause ablaufen. Nur noch die Raststätten auf der Autobahn werden eine Weile fortbestehen, insbesondere weil es noch eine Weile Trucker geben wird, die Pausen brauchen. Aber auch das geht vorbei.

 

Wenn erst die selbstfahrenden Automobile übernommen haben, wird das vor allem für Tausende von Lastwagenfahrern das Aus bedeuten. In letzter Konsequenz werden fahrerlose Vehikel das Straßenbild und die Autobahnen dominieren. Schlussendlich wird alles automatisiert ablaufen. Führerlose E-Trucks werden sich an robotisch automatisierten Tankstellen ihren Strom holen und alles was ein intelligentes Auto sonst noch so braucht. Menschen bedarf es dafür dann nicht mehr.

 

Die Tankstellen, wie wir sie heute noch kennen, haben dann ausgedient. Kinder werden ihre Eltern fragen, was denn eine Tankstelle ist. Sie werden die ebenso traurigen wie verheißungsvollen Bilder sehen und sich gemeinsam an vermeintlich gute alte Zeiten erinnern. Das über Jahre entstandene Archiv der vom Aussterben bedrohten Tankstellen, von denen schon heute einige nicht mehr existieren, wird uns an eine Mobilkultur und einen Autokult erinnern, der nachfolgenden Generationen fremd vorkommen mag. Ruinen von Burgen und Schlössern, Zechen und Stahlwerken, sie bleiben uns erhalten. Die Tankstellen auf den Bildern wird es aller Voraussicht nach irgendwann gar nicht mehr geben. Niemand wird sie für erhaltenswert halten. In Zukunft werden wir auch das bedauern. Dann haben wir die Bilder von Vanessa Leißring.

 

Ihre Photographien helfen uns heute schon dabei den Menschen wegzudenken. Die Vorläufer der Tankstellen waren für die Pferde da, um Wasser, Heu und Kraft zu tanken, um Luft holen zu können, letztlich um das Blut in ihren Adern mit Energie zu versorgen. Dann holten sich die Autos ihre Transfusionen flüssigen Goldes an den Tankstellen ab. Noch abstrakter als der Energieträger Benzin ist das, was heute Autos antreibt; der Fluss von Strom. Das Auto der Zukunft treiben genauer gesagt zwei Ströme an, Energie- und Datenfluss. Logistik speist sich in Zukunft immer aus diesen beiden Modi. Bald wird kein Auto mehr ohne Internetzugang fahren. Aber ohne Strom brechen eben auch alle Datennetze zusammen.

 

Selbst fahrende Autos nehmen dem Menschen nicht nur die Fortbewegung ab, sondern auch die Zügel aus der Hand. Einstmals hatte Automobilität für den Menschen noch ein Zugewinn an Autonomie bedeutet. Indem nun die Maschinen im Internet der Dinge Autonomie gewinnen und uns alle wieder zu Fahrgästen machen, schwindet das Wilde und Ungezähmte, das ein Ritt auf einem Pferd oder die Fahrt mit einem Auto einmal ausmachten.

 

Autofahren wird in absehbarer Zeit verboten werden, weil es viel zu gefährlich und damit unverantwortlich ist. Es wird dann vielleicht subversive Tankstellen geben, in denen Sprit wie eine illegale Droge verkauft wird. Dann werden wir uns vielleicht nicht nur sehnsüchtig an die modernistischen Tankstellen der Blütezeit des Autos erinnern, sondern auch an die letzten Exemplare, die sich aufgeblasen und grell erleuchtet ihrem unausweichlichen Ende entgegenstemmten. Ihre Lichter sind ausgegangen. Sie waren reif fürs Museum.

 

 

Bert te Wildt